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Zweiklassenmedizin bei Krebsdiagnose
Konstantin Dölz ist 11 Jahre alt. Im Gegensatz zu den meisten Jungen seines Alters, macht er richtig gern Hausaufgaben.
Konstantin Dölz:
"Seit zwei Wochen bin ich jetzt wieder in der Schule und mir geht's gut. Und ich freu mich auch, weil ich hab lange drauf gewartet und hab eigentlich gedacht, es dauert noch länger eh ich wieder kann."
Im Januar diesen Jahres kam die schreckliche Diagnose: Lymphdrüsenkrebs.
Andrea Dölz, Mutter:
"Meine größte Angst war, dass mein Sohn sterben wird, ganz klar. Wir wussten nicht, wie weit die Krankheit ausgebreitet ist und ob man noch was dagegen tun kann oder ob es mit Erfolg sein wird. Die Angst war ganz klar, dass er das nicht überleben wird, die Krankheit."
Nach Operation und Chemotherapie die bange Frage: hat es Konstantin geschafft?
Mutter:
"Nach den zwei Chemozyklen wurden ja diverse Nachuntersuchungen angestellt, die nicht eindeutig klären konnten, sind da noch Resttumore da oder nicht. Wir standen da zwischen Himmel und Hölle, denn die Bestrahlung war dann eigentlich doch ein Thema. Und dann wurde die PET-Untersuchung angesetzt, die also Klarheit gebracht hat im Zusammenhang mit den anderen Untersuchungen, dass er nicht bestrahlt werden muss. Das ist ihm durch die Untersuchung erspart geblieben und damit sehr viel Leid."
Die Untersuchung mit dem so genannte Positronen- Emissions- Tomograph kurz PET genannt, kann etwas, was herkömmliche Verfahren nicht können. Sie ist etwa 30 % genauer als bisherige Untersuchungen, bspw. Die Magnetresonanztomographie. Den Patienten wird schwach dosiertes radioaktives Traubenzucker gespritzt. Dadurch heben sich selbst kleinste Krebsgeschwülste vom gesunden Gewebe ab, egal, wo im Körper sie sich befinden. Wichtig vor Operationen, besonders aber für die Behandlung und Kontrolle danach:
Prof. Regine Kluge, Klinik für Nuklearmedizin, Uni Leipzig
"Die Frage ist nun, sind dort noch lebendige Tumorzellen enthalten und das kann man in der Computertomographie an sich nicht entscheiden, so dass man sich im Moment so entscheidet, in der Regel, wenn dort noch ein Befund übrig bleibt, dann bestrahlt man, obwohl man eigentlich weiß, dass in ganz vielen Fällen die Bestrahlung eigentlich nicht mehr nötig ist. Weil es eigentlich nur noch Narbe ist. Und hier bietet die PET nun den ganz großen Vorteil, dass man das lebendige Tumorgewebe quasi herausheben kann, dass man sehen kann, unterscheiden kann ist das lebendig oder ist das Narbe."
Handelt es sich nur um Narbengewebe können dem Patienten oft weitere belastende Operationen und Therapien erspart werden. Gerade bei Kindern ist solch eine Entscheidung sehr wichtig, denn die aggressive Strahlentherapie zum Beispiel verursacht viele Nebenwirkungen.
Prof. Friedrich Kamprad, Direktor Klinik für Strahlentherapie, Uni- Klinik Leipzig:
"Kinder sind besonders empfindlich gegenüber einer Strahlentherapie, wie auch Chemo-Therapie. Und das sind unerwünschte Folgen, die eintreten können: Das sind zum einen Wachstumsstörungen. Es sind auch hormonale Störungen, bis hin zur Unfruchtbarkeit, die sich später herausstellt oder auch das sehr seltene Risiko einer Tumorentstehung, einer Zweittumorentstehung nach einer Latenzzeit von 20 Jahren."
In ganz Deutschland gibt es rund 80 PETs, seit gut zehn Jahren sind sie schon im Einsatz. Allein hier an der Uni- Klinik in Leipzig werden ca. 800 Patienten pro Jahr damit untersucht. Für Ärzte und Patienten ist PET inzwischen unverzichtbar. Doch welche Leistungen von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden oder nicht, entscheidet der Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen. Dessen Koordinierungsausschuss hat nun eine überraschende Entscheidung getroffen. Die PET als ambulante Kassenleistung wird nicht mehr bezahlt. Begründung:
Dr. Hans- Friedrich Spies, Vorsitzender AG Koordinierungsausschuss:
"Die Frage, die sich ein Bundesausschuss stellen muss ist, führt dieser Therapiewechsel, der durch die PET verursacht ist, tatsächlich zu einer Verbesserung der Lebensqualität und zu einer Verlängerung des Lebens. Und dies ist in den seitherigen Studien nicht belegt."
Prof. Osama Sabri, Direktor Klinik für Nuklearmedizin, Uni- Leipzig:
"Die Ergebnisse der Studien an vielen tausend Patienten sind bereits in den USA, aber auch in vielen unserer europäischen Nachbarstaaten akzeptiert und dies hat dazu geführt, dass sie dort längst eine Leistung der Krankenkasse ist. Ich denke, die Konsequenz ist diejenige, dass wir hier auf eine Zwei-Klassen-Medizin zusteuern, da der Privatpatient weiterhin die PET bekommen kann, der Kassenpatient aber nicht mehr, so dass hieraus eine deutlich schlechtere Versorgung von Kassenpatienten resultiert."
Kassenpatienten wie Rolf Schöllner erhalten diese ambulante Untersuchung nun gar nicht mehr oder müssen tief in die eigene Tasche greifen:
Rolf Schöllner, Patient:
"Als Rentner ist das nicht einfach. Immerhin kostet eine solche Untersuchung in D-Mark noch ausgesprochen 2400 Mark. Man muss sich das schon überlegen, der normale Bürger kann sich das nicht leisten."
Rolf Schöllner hatte Gallengangskrebs, 1995 wurden ihm 2 Drittel der Leber entfernt. Herkömmliche Kontrolluntersuchungen danach wiegten ihn in Sicherheit, erst die PET brachte traurige Gewissheit- noch einmal Krebstherapie. Doch sie rettete sein Leben.
Rolf Schöllner, Patient:
"Es darf nicht verboten sein, eine teure Methode zur Anwendung zu bringen, wenn sie hilft. Bloß, der Arzt kann nur entscheiden, ist bei dem Patienten diese Methode angebracht oder die andere. Und bisher habe ich mich darauf verlassen, dass der Arzt das kann. Wenn die Bürokratie das entscheidet, wird es kritisch."
Bürokraten, die Kranke nur noch als Kosten- Nutzen- Faktoren in der gesundheitspolitischen Gesamtrechnung sehen und anscheinend nicht einkalkulieren, dass durch PET für den Patienten belastende und obendrein teure Therapien und Operationen überflüssig werden können:
Prof. Kamprad:
"Natürlich ist es eine Milchmädchen-Rechnung. Wir können mit dieser Methode Behandlungen für den einzelnen Patienten entwickeln, die hoch effizient sind und die auf der anderen Seite sogar noch kostengünstiger sind."
Doch die massiven Proteste von Fachärzten und großen Organisationen, wie der Deutschen Krebsgesellschaft stießen auch beim Bundesgesundheitsministerium auf taube Ohren. Es hat die Entscheidung des Bundesausschusses abgesegnet. Eine Entscheidung mit ernsthafte Folgen für Krebspatienten wie Konstantin:
Mutter:
"Es macht mich echt fassungslos muss ich sagen. Das ist eine so enorm wichtige Untersuchung, die im Vorfeld angewandt werden kann, um erst mal zu sehen, wie weit sind die Tumore ausgebreitet, wie weit gibt es Metastasen oder nicht oder, wie es bei Konstantin der Fall war, dass also so wichtige Entscheidungen wie Strahlentherapie ja oder nein damit beantwortet werden können. Und gerade an diesem Punkt einzusparen, das macht mich traurig und wütend. Das ist die falsche Stelle."
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite: cgd - 01.10.2004 |
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